IV

Malerei . Bild . Text

Arbeiten seit 2008

Wie kann meine Kritik am klassischen Bild einen Weg zur Malerei finden – dazu musste ich zunächst mit etwas anfangen, und schauen was dabei entsteht. Danach konnte ich Schlüsse ziehen für weitere Experimente. Daran hat sich bis heute nichts geändert.

Die ersten Arbeiten begannen mit einer Sampling-Methode, die ich bereits für die Pflanzenfotos verwendet hatte. Das Verfahren wurde stark ausgedehnt. Dabei sind Fotografien von Bildern alter Meister, und zum ersten Mal Fotos aus dem Internet von Geflüchteten eingesetzt worden. Die Motive verwandelten sich am Rechner in langen Versuchsreihen zu einer mehr und mehr miteinander verflochtenen Syntax und waren am Ende als Motiv nicht mehr erkennbar. Man könnte sagen, ich hatte eine Darstellung unsichtbar gemacht.

an der Grenze des Abbilds

Die nächste Werkreihe ging in eine andere Richtung. In mehreren Ebenen in der Art von farbigen Layern entstanden Bilder, deren Bedeutung uneindeutig war oder umzukippen drohte. Auch die Motivauswahl hatte zum Teil eine Lesart, die entgegengesetzt zu der Bedeutung des Abgebildeten stand. Diese Indifferenz wurde offengelegt. Die Aussagefähigkeit eines Bildes hinterfragt.

Als Thema wählte ich ein Ereignis aus dem Jahr 1952, bei dem die erste frei und demokratisch gewählte Regierung im Iran durch das von westlichen Staaten lancierte Schah-Regimes zerstört wurde. Ein Ereignis, welches seinen Schatten bis in die Gegenwart wirft und eine der größten politischen Konflikte entstehen ließ. Für den es bis heute keine Lösung gibt.

IRAN 52

Die Beschäftigung mit farbigen Layern, mit Invertionen, und mit ersten monochromen Tafeln wurde unter dem Thema fair trade fortgesetzt.

FAIR TRADE 1

Anschließend entstand eine Folge von monochromen Arbeiten. Zu jedem Bild erzählte ich eine Geschichte, die nichts mit der visuellen Darstellung zu tun hatte. Dem in den 60er Jahren formulierten Postulat „was zu sehen ist ist zu sehen“ stellte ich ein „es geht nicht um das was du siehst“ entgegen.

Meine Schlussfolgerung aus diesen monochromen Arbeiten war, die Geschichte hinter das Bild auf eine zweite Leinwand zu bringen. Sie also ebenso als Malerei auszuführen, und nicht als Erzählung im Text. Als Werk der Malerei enthält sie Zeit und physische Substanz, also eine körperliche Präsenz. Der Schritt, sie der Sichtbarkeit zu entziehen, aber nicht zu übermalen, erhält ihre körperliche Präsenz. Macht darauf aufmerksam. Auch auf den Maler. Hat er sich doch Zeit genommen für das Werk.

Es entstand unter anderem die Werkgruppe „imFond“. Bilder die zu sehen sind, und Bilder die zwar da sind aber nicht zu sehen.

Wie ein kurzer konzentrierter Exkurs entstanden 2019 rund 30 Bilder zum Leben meiner ein Jahr zuvor verstorbenen Mutter. Vorlage waren Fotografien aus 9 Jahrzehnten, Porträts und zugleich Zeitzeugen einer Geschichte der Fotografie und der jeweils zeitgemäßen epochebildenden Bildform. Vielleicht einerseits vom Thema sehr persönlich, andererseits recht grundsätzlich nach dem Portät fragend, ob es der Malerei noch zumutbar ist. Das willentliche Zaudern ist den Bildern anzumerken.

Mit dieser Serie hat in meinen Augen sehr grundlegend eine Auseinandersetzung mit dem Porträt begonnen. Am Anfang der künstlerischen Tätigkeit hatte ich oft Porträts gemalt, jetzt wurde es zu einer zentralen Thematik für Fragen zur Abbildbarkeit, zur Gegenständlichkeit und auch zur Frage, ob ein Porträt überhaupt angemessen sein kann. Oder inwieweit die abgebildete Person zum vojeuristischen Objekt missbraucht wird.

Porträts

Das Thema sichtbare/unsichtbare Malerei und das Thema Porträt wird seitdem weiter verfolgt. In der nächsten Serie mit Porträts von Geflüchteten und Bildern, die im weitesten Sinn Blumenbilder genannt werden können. Die Leinwände mit den Blumenbildern umspannen die Porträts und machen sie damit nicht mehr sichtbar.

Die folgenden zwei großen Arbeiten stellen so etwas wie ein Manifest dar, sie bündeln Vieles, was zuvor angedacht und unterschiedlich ausformuliert wurde, auf eine reduzierte Form. Sie handeln von dem Motiv der untergehenden Sonne und von Menschen auf der Flucht.

Beide Arbeiten und die um sie herum entstandene Gruppe von Papierarbeiten gehen von der nicht Darstellbarkeit einer untergehenden Sonne aus. Einerseits: die romantisierte Sonne, die auf jeder Fotografie nur ein weißer blinder Fleck ist. Eine Darstellung der tatsächlichen Farben misslingt. Andererseits: für Menschen auf der Flucht von Nordafrika nach Europa geht dieselbe Sonne am Horizont des rettenden Ufers unter, das zu erreichen verboten ist. Im übertragenden Sinne geht es also um diejenigen, die in dem Nichtdargestellten ihre größte Hoffnung und ihre Rettung sehen, während diejenigen, die retten könnten, die Rettung nicht dargestellt bekommen.

Parallel zu „DAS VERSAGEN“ entstand eine Serie von Schwarz-Weiß-Arbeiten auf Papier.

Mehr und mehr nähere ich mich der Grenze, an der Bilder enden. Und doch sind es Bilder und geben als Malerei Hinweise. Sie relativieren sich, indem das, was nicht sichtbar ist, mitgesehen wird, und das, was sichtbar ist (beispielsweise ungegenständliche Malerei), eine andere Bedeutung erhält. Währenddessen werden die darunterliegenden Bilder immer wichtiger, beanspruchen immer mehr Zeit, immer mehr Konzentration und testen eine mögliche Bildform. Die Malerei der Porträts von nicht sichtbaren Personen.